Gefühlsfarben verbinden
sich mit Wasser und
lassen Neues entstehen!






Das einzige, was ich an ihr nicht mag, ist ihr schwerfälliger Name

Sie ist umworben. Mit ihr will man sich sehen lassen; sie öffnet Türen, die ohne sie nicht einmal erkennbar wären.
Ihre Gegenwart verleiht Charisma. Sie ist so begehrt, dass sie auch immer wieder gestohlen, gefälscht und vorgetäuscht wird.
Das ist allerdings so nutzlos wie der Versuch sie festzunageln. Sie ist unberechenbar und launenhaft. Man kann sich lange um sie bemühen, ohne erhört zu werden. Und dann wieder beschenkt sie einen, der sie nicht einmal eingeladen hat. Einige Begnadete genießen ihre Gunst, seit sie geboren wurden, anderen bleibt sie ein Fremdwort.

Sie wird idealisiert und verherrlicht, vor allem von jenen, die sie noch nicht persönlich kennen.
Wo von ihr gesprochen wird, ist sie oft am weitesten entfernt. Manche aber, die von ihr heimgesucht worden sind, berichten,
dass sie durchaus ein Teufel sein kann, der das Leben zur Hölle macht und einen nie in Frieden lässt. Sie hat mehr als zwei Gesichter und einige davon sind sehr beunruhigend. Über eines sind sich jedoch die meisten einig: Wir brauchen sie, nicht nur für die schönen Seiten des Lebens; sie ist unentbehrlich, egal, wie wir sie nennen.
Wir brauchen sie, ganz besonders in Krisenzeiten – in eigentlich unlösbaren Situationen ist sie die einzige Hoffnung.
Aber wehe, wenn wir uns einfach auf sie verlassen und sie für selbstverständlich nehmen. Dann kann sie uns eiskalt übersehen, so als existieren wir gar nicht für sie. Wer auf sie baut, muss schwindelfrei sein und darf Abgründe nicht fürchten.

Oft spielt sie herum oder hält sich versteckt, und wenn wir es am wenigsten erwarten, platzt sie herein – allerdings nur dort, wo die Tür offen ist. Das Verrückte ist, dass wir nicht einmal genau wissen, welche ihre Türen sind.
Andererseits kann sie richtig aufdringlich werden, lässt einen nicht mehr in Ruhe mit ihren Launen, Ideen, Einfällen und Erkenntnissen. Ja, es gibt Menschen, denen läuft sie geradezu hinterher, sogar bis in den Schlaf. Manchen erscheint sie in den Träumen. Eifersüchtig ist sie nicht. Sie hat so viele Liebhaber, wie es Menschen, Blumen und Sterne gibt. Sie ist frei und erfinderisch, und es gelingt ihr immer wieder, sich selbst zu übertreffen.

Auch ich habe ein Verhältnis mit ihr. Genauer gesagt: Manchmal besucht sie mich, dann schlagen wir uns die Nacht um die Ohren, ohne eine Sekunde Schlaf. Manchmal wünsche ich mir, dass ich nie mit ihr etwas zu tun bekommen hätte; aber jetzt ist es zu spät. Ich habe mich mit Haut und Haaren auf sie eingelassen und bin völlig davon abhängig, dass sie kommt.
Das Verhältnis ist sehr einseitig: Wenn ich sie suche, kann ich sie nicht finden, sondern ich kann mich nur selbst auffindbar machen für sie. Diesen Teil unserer Beziehung schätzt mein Ego überhaupt nicht.
Vielleicht lässt sich mancher deshalb auch nicht auf sie ein: Sie kann einen verschlingen. Sie fordert alles: die Hingabe von Geist, Körper und Seele. Sie fordert Vertrauen und Demut. Das kann kräftig knirschen in der Maschinerie des Alltags, mit der wir das Unberechenbare im Leben kontrollieren und gestalten wollen. Paradoxerweise hilft sie aber auch dabei gelegentlich. Meistens aber fordert sie, dass wir springen, ohne zu wissen, ob und wo wir landen können. Von Buchhaltung hält sie nicht viel. Über Forderungen höre ich sie leise kichern, und mit den Theorien, die sie fassen sollen, spielt sie wie mit Bauklötzen.

Manchmal lässt sie sich sogar auf schmutzige Affären ein, Moral ist ihr fremd. Deshalb kann man sich ihre Gunst auch nicht verdienen; Wohlverhalten, guten Willen und die besten Absichten kann sie herzlos ignorieren. Dafür hat sie einen ausgeprägten, manchmal auch skurrilen Sinn für Humor.

Ich möchte Ihnen noch mehr über das Geheimnis erzählen, wie ich mich auffindbar für sie machen kann, nachdem ich ihr nun schon verfallen bin. (Allerdings habe ich keine Garantie, dass sie dann auch wirklich kommt.)
Im Grunde ist es so einfach: Wenn sie in der Nähe ist, muss ich bereit für sie sein und darf nicht gerade mit meinen Krisen, fixen Ideen und Gewohnheiten so beschäftigt sein, dass ich sie übersehe. Die Hindernisse für ein Rendezvous kommen immer von mir, nie von ihr. Sie braucht mich nicht, aber ich sie. Ob ich leide oder nicht, ist ihr völlig egal, dadurch lässt sie sich nicht erweichen.
Das ist meine Sache, mit der ich dann so schnell wie möglich fertig sein muss, um wieder für sie frei zu sein. Für den tragischen Ernst des Lebens hat sie nicht viel übrig, davon hält sie sich fern. Was sie lockt, ist der offene Geist, das Spielerische. So also kann ich mich auffindbar machen. Alles, was mir hilft, die Grenzen meiner Vorstellungen zu übersteigen, mich neugierig macht und mir das Staunen wieder beibringt, breitet den roten Teppich für sie aus.

Und wenn sie dann endlich kommt, beginnt der schwierigste Teil. Sie sieht mich ganz und will mich ganz.
Also kann ich meine Macken, Besessenheiten, Vorurteile und meine engen Grenzen nicht vor ihr verstecken. Den Kopf darf ich verlieren, aber nicht den Verstand – sonst verstehe ich sie nicht. Denn sie will nicht nur in Gefühlen versinken, sondern fordert ein Gegenüber, das standhält. Mir macht das Angst, und dies ist das sichere Gefühl, dass sie sich in der Nähe herumtreibt.
Wenn ich diese Angst überwinde, den Sprung wage, dann schenkt sie mir in unseren kurzen Vereinigungen ein solch unerhörtes Glück, eine unbegrenzte Verbundenheit, das Gefühl, eins zu sein mit allem Lebendigen, dass die ganze Angst zu Asche wird. Allmählich kenne ich das nun, aber es ist immer wieder ein neues Wunder, das gefeiert werden will.
Das einzige, was ich an ihr nicht mag, ist ihr schwerfälliger Name: Kreativität.

(Alexander Jeanmaire, Der kreative Funke, Momentum Verlag)